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Wunden Jesu

Marie-Marthe Chambon Rosenkranz zu den heiligen Wunden Jesu Der Gnadenreiche Rosenkranz Gebete zu den Wunden Jesu

Marie-Marthe Chambon

Franziska Chambon wurde am 27. Mai 1844 geboren. Sie war das Kind einer einfachen, aber gutchristlichen Bauernfamilie, die in dem Dörflein CROIXROUGE bei Chambéry ihren Wohnsitz hatte. Noch am Tage ihrer Geburt empfing sie in der Pfarrkirche Sankt Peter in Lemenc die hl. Taufe.

Schon sehr frühzeitig wollte sich der Herr dieser unschuldigen Seele offenbaren. Es war an einem Karfreitag;
Franziska war erst 9 Jahre alt. Ihre Tante hatte sie zur Anbetung des heiligen Kreuzes mitgenommen; da erschien ihr der Heiland von Wunden ganz zerrissen, mit Blut überronnen, wie er am Kreuze hing. Ach, in welch einem Zustand befand sich der Herr! , sagte sie später beim Gedanken an dieses Bild.
Es war dies die erste Offenbarung des Leidens des Erlösers, das in ihrem Leben eine so wichtige Rolle spielen sollte.

In ihren ersten Jugendjahren war sie jedoch mehr durch Erscheinungen des Jesuskindes begnadigt. An ihrem Erstkommuniontag kam es sichtbar zu ihr, und von dieser Zeit an bis zu ihrem Tode durfte sie bei jeder heiligen Kommunion, die sie empfing, das Jesuskind in der heiligen Hostie sehen. Es war ihr unzertrennlicher Jugendgefährte, der mit ihr zur Arbeit aufs Feld ging, unterwegs sich mit ihr unterhielt und sie wohlbehalten wieder heimführte. Gegen Ende ihres Lebens gedachte sie dieser glücklichen Zeit und meinte: Wir waren immer beisammen. O wie glücklich war ich; ich hatte das Paradies in meinem Herzen!

In diesen jungen Jahren kam es Franziska nicht in den Sinn, irgend jemand etwas von dem vertrauten Verkehr mit Jesus mitzuteilen; sie freute sich darüber und meinte in ihrer Kindeseinfalt, alle genössen dieses Glück. Die Unschuld und der Eifer dieses Kindes konnten jedoch dem Pfarrherrn nicht entgehen. Er liess Franziska deshalb oft zum Tisch des Herrn hinzutreten, und da er sah, dass sie zum Ordensstand berufen war, brachte er sie selbst in das Kloster der Heimsuchung von Chambéry.

DIE  ERSTEN  JAHRE  IM  KLOSTER

Franziska Chambon war 18 Jahre alt, als sie in das Kloster aufgenommen wurde. Zwei Jahre später legte sie die heiligen Gelübde ab und erhielt den Namen Schwester Maria Martha, es war am Feste U.L. Frau von den Engeln, am 2. August 1864.

Nach aussen hin bot die neue Braut Christi nichts, was irgendwie zu ihren Gunsten gesprochen hätte. Die Schönheit dieser Königstochter war wirklich ganz in ihrem Innern verborgen. Gott wollte offenbar auf diese Weise Schwester Maria Martha ersetzen, was ihr an natürlichen Gaben spärlich zugemessen war. Ihr Benehmen und ihre Sprache waren derb und linkisch, ihre Geistesanlagen waren nur mittelmässig und keineswegs entwickelt; jede Bildung ging ihr ab; sie konnte weder lesen noch schreiben. Ihre Ansichten und Gefühle erhoben sich nur unter dem Einfluss der Gnade über das gewöhnliche Mass. Ihr Wesen war lebhaft und etwas halsstarrig und nicht besonders angenehm; ihre Mitschwestern sagten gerne scherzweise: O ja, sie war schon eine Heilige, aber eine, die einem bisweilen zu schaffen machte.

Die Heilige kannte ihre schwachen Seiten. Mit rührender Einfalt beklagte sie sich bei Jesus über ihre Fehler; doch Jesus entgegnete ihr: Deine Fehler und Unvollkommenheiten sind der beste Beweis, dass das, was in dir vorgeht, wirklich von Gott kommt. Ich werde sie dir niemals nehmen; sie sind der Deckmantel, mit dem ich meine Gaben verberge. Du bist darauf bedacht, sie verborgen zu halten; ich bin es noch weit mehr.

Diesem Bilde möchten wir ein anderes, anziehenderes gegenüberstellen. Das scharfe Auge ihrer Oberinnen entdeckte bald unter dem ungeschlachten Äussern eine Seelenschönheit, die durch das Walten der Gnade von Tag zu Tag wuchs und zunahm. Man kann ganz auffallende Züge anführen, die unfehlbar auf den göttlichen Künstler hinweisen und zwar mit umso grösserer Bestimmtheit, weil die Mängel ihrer Natur dieselben blieben wie zuvor. Welch eine Erleuchtung, welch tiefen Blick bekundete ihr ungebildeter Verstand! Welch eine Unschuld, welch starker Glaubensgeist, welch gediegene Frömmigkeit, welch eine Demut, welch ein Verlangen nach Opfer erfüllte ihr Herz, das doch gleichsam nur stets auf sich selbst angewiesen war! Es genüge vorläufig das Urteil ihrer Oberin, Mutter Theresia Eugenie Revel, hier anzuführen; sie schreibt: Der Gehorsam ist für sie alles. Die kindliche Offenheit, die Geradheit, der Geist der Liebe, der sie erfüllte, ihre Entsagung und vor allem ihre echte, tiefe Demut schienen der untrügliche Beweis zu sein, dass Gott diese Seele führt. Je mehr Gnaden sie empfängt, um so mehr verachtet sie sich selbst; denn sie lebt ständig wie zermalmt durch den Gedanken, sie könnte etwa getäuscht sein; Winke, die ihr erteilt werden, nimmt sie gerne an, durch die Worte des Priesters und ihrer Oberin lässt sie sich leicht beruhigen. Was aber ganz besonders zu ihren Gunsten spricht, ist ihre leidenschaftliche Liebe zum verborgenen Leben, der unwiderstehliche Drang, sich aller menschlichen Neugierde zu entziehen und ihre Angst, man könnte merken, was in ihr vorgeht.

Die zwei ersten Jahre ihres Klosterlebens verliefen für unsere Schwester ziemlich normal. Sehen wir von einer seltenen Gabe des Gebetes, einer ständigen Sammlung, einem stets sich steigernden Hunger und Durst nach Gott ab, so finden wir in dieser Zeit wirklich nichts, was etwas Ausserordentliches vorausahnen liesse. Mit September 1866 jedoch beginnen die ersten göttlichen Hulderweise. Die junge Laienschwester wird des öfteren der Erscheinungen des Herrn, der seligsten Jungfrau, der Armen Seelen und der Heiligen des Himmels gewürdigt. Der Gekreuzigte erscheint ihr fast jeden Tag und zeigt ihr seine heiligen Wunden, damit sie sich in heiliger Beschauung in dieselben hineinversenke und an seinem Leiden Anteil nehme. Bald sind diese Wunden strahlend und verklärt, bald blau unterlaufen und blutig.

NACHTWACHEN  UND  KÖRPERLICHE  BUSSSTRENGE

Nachdem die Obern aus untrüglichen Zeichen, über die wir uns der Kürze halber nicht weiter verbreiten können, den Willen Gottes erkannt hatten, entschlossen sie sich, wenn auch nicht ohne Zagen, ihr nach und nach zu gestatten, was Jesus der Gekreuzigte, von ihr verlangte. Schwester Maria Martha musste zunächst die Nächte auf dem Boden ihrer Zelle schlafen; sodann musste sie Tag und Nacht ein rauhes Busshemd tragen; endlich musste sie sich eine Krone von spitzigen Dornen winden und tragen, die sie daran hinderte, den Kopf zur Ruhe zu legen. Nach 8 Monaten, wir sind im Mai 1867, verlangt Jesus neben den erwähnten Bussübungen sogar das Opfer ihrer Nachtruhe. Während alles im Kloster schlief, sollte Schwester Maria Martha allein vor dem Tabernakel wachen. Bei solchen Anstrengungen kommt die Natur nicht auf ihre Rechnung, wohl aber werden damit die göttlichen Gunsterweise erkauft. In der Stille der Nacht vertraute sich ihr der Herr auf die wunderbarste Weise an. Zwar muss sie bisweilen stundenlang gegen Schlaf und Müdigkeit ankämpfen, doch meist erfasst sie der Herr sogleich und versetzt sie in eine Art heiliger Verzückung. In diesen seligen Stunden spricht der Herr von seinem Leiden und von den Geheimnissen seiner Liebe, überhäuft sie mit Liebkosungen, nimmt ihr Herz und versenkt es in das seine und bemächtigt sich von Tag zu Tag mehr dieser so demütigen, einfachen und gelehrigen Seele.

EINE  DREITÄGIGE  VERZÜCKUNG

Im September des Jahres 1867 verfiel Schwester Maria Martha, wie Jesus ihr schon vorhergesagt hatte, in einen unerklärlichen, schwer zu bezeichnenden Zustand. Sie lag auf ihrem Bette, ohne sich zu bewegen, ohne ein Wort zu reden, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne etwas zu geniessen und doch war der Puls ganz regelmässig und das Gesicht leicht gerötet. Dieser Zustand hielt drei Tage lang an, den 26., 27. und 28. September, zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit.

Das waren für die Schwester ausserordentliche Gnadentage. Der ganze Strahlenglanz des Himmels schien die ärmliche Zelle, in welche die heiligste Dreifaltigkeit herabgestiegen war, zu erleuchten. Gott der Vater zeigte ihr Jesus in einer Hostie mit den Worten: Ich schenke dir den, welchen du mir so oft aufopferst. Dann liess Er sie die Geheimnisse von Bethlehem und Golgatha schauen und gab ihr ein tiefes Verständnis für die beiden Grosstaten Seiner Liebe, der Menschwerdung und Erlösung.

Weiter liess Er den Hl. Geist wie einen Feuerstrahl aus Seinem Innern hervorgehen und gab Ihn ihr mit den Worten: In diesem Strahl ist Licht, Leiden und Liebe enthalten. Die Liebe wird mein Anteil sein; das Licht soll dich meinen Willen erkennen lassen, und das Leiden gebe ich dir, damit du jeden Augenblick das leidest, was ich für dich bestimmen werde.

Am letzten Tage endlich liess sie der Vater in einem Lichtstahl, der vom Himmel auf sie zuströmte, das Kreuz Seines Sohnes schauen und gab ihr dabei ein tieferes Verständnis des hohen Wertes der heiligen Wunden für ihr eigenes Heil. In einem anderen Lichtstrahl, der von der Erde zum Himmel emporstieg, erkannte sie zugleich klar ihre Sendung, wie sie nämlich die Verdienste der heiligen Wunden für die ganze Welt nutzbar machen sollte.

DIE  SENDUNG

Eines Tages sagte der Heiland zu seiner Dienerin: Es schmerzt mich, dass es Seelen gibt, welche die Andacht zu meinen heiligen Wunden als etwas Sonderbares, Verächtliches, gleichsam als etwas Unpassendes ansehen. So kommt diese Andacht ausser Gebrauch und wird vergessen. Im Himmel gibt es Heilige, die eine grosse Andacht zu meinen heiligen Wunden hatten; doch auf Erden lebt fast niemand, der mich auf solche Weise ehrt.

Diese Klage ist nur berechtigt. In einer Welt, welche nur ans Geniessen denkt, haben die meisten, selbst solche, welche sich Christen nennen, den Opfersinn ganz verloren. Die Seelen, welche das Kreuz verstehen oder über das Leiden Christi ernstlich nachdenken, sind allzu selten geworden, und doch nennt der hl. Franz von Sales mit Recht das Leiden Christi die wahre Schule der Liebe, den besten und mächtigsten Beweggrund zur Frömmigkeit.

Jesus will aber keineswegs, dass diese unerschöpfliche Mine unausgebeutet daliege, dass die Segensfrüchte seiner heiligen
Wunden vergessen bleiben und verloren gehen. Deshalb hat er sich, seiner Gewohnheit gemäss, das unscheinbarste Werkzeug auserwählt, um dies sein Werk der Liebe zu vollbringen. Am 2. Oktober 1867 wohnte Schwester Maria Martha einer Einkleidung bei. Auf einmal öffnete sich der Himmel, und sie sah dort dieselbe Handlung sich vollziehen wie auf Erden, nur mit einer ganz andern Pracht und Feierlichkeit. Alle seligen Mitglieder der Heimsuchung nahmen daran teil. Freudig bewegt, wandten sich ihr die ersten Mütter des Ordens zu und sagten zu ihr:


Der ewige Vater hat unserem heiligen Orden seinen Sohn auf drei verschiedene Weisen geschenkt:
1. Jesus Christus mit seinem Kreuz und seinen Wunden und zwar diesem Kloster im besonderen.
2. Sein heiligstes Herz.
3. Die heilige Kindheit Jesu, damit wir sie verehren; du musst in deinem Verkehr mit Jesus so unbefangen sein wie ein Kind.

Dieses dreifache Geschenk scheint nicht ganz neu zu sein. Blättern wir in den Annalen der Heimsuchung zurück, so finden wir im Leben der Mutter Anna Margareta Clement, einer Zeitgenossin der hl. Johanna von Chantal, bereits diese drei Andachten und alle Klosterfrauen, welche sie herangebildet hat, waren diesen Andachten besonders ergeben. Es wird darum wohl auch diese bevorzugte Seele in Verein mit unserer heiligen Stifterin Sr. Maria Martha daran erinnert haben.

Einige Tage darauf erschien Mutter Maria Pauline Deglapigny, die 18 Monate zuvor gestorben war, unserer Schwester und bestätigte ihr das Geschenk der heiligen Wunden: Die Heimsuchung besass bereits einen grossen Schatz, doch ging diesem noch etwas ab. Darum glückselig der Tag, an dem ich die Erde verlassen habe; denn anstatt nur das heiligste Herz unseres Heilandes zu haben, habt ihr jetzt seine ganze heilige Menschheit, nämlich seine heiligen Wunden. Diese Gnade habe ich euch erfleht.

Besitzt denn der, welcher das Herz Jesu besitzt, nicht den ganzen Jesus, seine ganze Liebe? Ganz gewiss; allein die heiligen Wunden sind gleichsam eine Ausstrahlung und sehr beredte Ausdehnung dieser Liebe. Darum wünscht auch der Heiland, dass wir seine ganze heilige Person verehren und bei der Anbetung und Verehrung seiner heiligen Seitenwunde seine andern Wunden, die sich ebenfalls seine Liebe zu uns schlagen liess, nicht vergessen.

Unser heiliger Vater, St. Franz von Sales, der seiner Tochter oft erschien, bestärkte sie in der Wirklichkeit ihrer Sendung. Eines Tages entspann sich folgendes Gespräch zwischen ihnen: Du weisst es, mein Vater, meine Mitschwestern geben nichts auf meine Worte, weil ich so unvollkommen bin, sagte sie in ihrer Einfalt. Meine Tochter, entgegnete ihr der Heilige, Gott schaut die Dinge anders an als die Menschen; der Mensch betrachtet alles vom menschlichen Standpunkt aus. Gott dagegen gibt seine Gnade gerade den Armseligsten, die nichts aufzuweisen haben, damit alles, was er in ihnen wirkt, nur zu seiner Ehre gereiche. Du solltest froh sein ob deiner Unvollkommenheiten, weil sie die Gaben Gottes verbergen. Gott hat dich auserwählt, um die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu zu vervollständigen; das Herz war meiner Tochter Margareta Maria geoffenbart; die heiligen Wunden meiner lieben Maria Martha. Es bereitet meinem Vaterherzen eine besondere Freude, dass durch euch Jesus, dem Gekreuzigten diese Ehre erwiesen wird. Das ist die Vollendung der Erlösung, nach welcher Jesus sich so sehr sehnte.

Auch die seligste Jungfrau bestätigte der Schwester ihre Sendung. An einem Fest der Heimsuchung erschien sie ihr in Begleitung der heiligen Ordensstifter und der heiligen Margareta und sagte voll Güte: Wie ich ehedem die Frucht meines Leibes zu meiner Base Elisabeth getragen habe, so schenke ich sie jetzt der Heimsuchung. Dein heiliger Ordensstifter hat meinen Sohn in seinen Arbeiten, in seiner Sanftmut und Demut nachgeahmt. Deine heilige Mutter von Chantal hat meine Grossmut nachgeahmt, mit der sie über alle Hindernisse weggeschritten ist, um zur Vereinigung mit Jesus zu gelangen und seinen heiligsten Willen zu erfüllen.
Deine heilige Schwester Margareta hat das Herz meines Sohnes in sich nachgebildet, um es der Welt zu schenken. Du aber, meine Tochter, bist auserwählt, der Gerechtigkeit Gottes dadurch Einhalt zu tun, dass du die Verdienste des Leidens und der heiligen Wunden meines einzigen, vielgeliebten Sohnes zur Geltung bringst.

Auf die Bedenken, welche Sr. Maria Martha ob der Schwierigkeiten, die ihr begegnen werden, äusserte, erwiderte ihr die Unbefleckte: Deine Oberin und du braucht euch darüber nicht zu beunruhigen; mein Sohn weiss wohl, was er zu tun hat; tut nur Tag für Tag, was er von euch verlangt und will.

Diese Aufmunterungen der seligsten Jungfrau wurden immer häufiger und wurden der Schwester auf verschiedene Weise zuteil. Wollt ihr Reichtümer, sagte sie eines Tags, so müsst ihr dieselben aus den Wunden meines Sohnes schöpfen. Alle Erleuchtungen des Heiligen Geistes entstammen den Wunden Jesu, und ihr werdet diese Gabe in dem Masse empfangen, als ihr demütig seid. Ich bin eure Mutter und ich fordere euch auf: Schöpfet aus den Wunden meines Sohnes. Legt euch an diese Wunden und sauget sein Blut ganz auf, was allerdings niemals der Fall sein wird. Du musst die Wunden meines Sohnes für die Bekehrung der Sünder ausnützen.

Neben diesen Belehrungen, welche die ersten Mütter der Heimsuchung, der hl. Ordensstifter und die seligste Jungfrau erteilten, müssen wir noch die Unterweisungen erwähnen, die sie von Gott Vater empfing, dem sie mit kindlich vertrauensvoller Zärtlichkeit zugetan war und von dem sie in wahrhaft göttlicher Weise verwöhnt wurde. Er war es, der sie zuerst auf ihre künftige Mission hinwies und sie immer wieder von Zeit zu Zeit daran erinnerte: Mein Kind, Ich schenke dir Meinen Sohn; bediene dich Seiner im Laufe des Tages und zahle damit alles, was du Meiner Gerechtigkeit für alle schuldest. Schöpfe nur immerfort aus den Wunden Jesu, um die Schulden der Sünder zu bezahlen.

In verschiedenen Anliegen hielt die Ordensgemeinde Prozessionen und verrichtete besondere Gebete. Gott Vater erklärte ihr daraufhin: Was ihr Mir da anbietet, ist nichts. Wenn das nichts ist, entgegnete kühn das Kind, dann opfere ich dir alles auf, was dein Sohn für uns getan und gelitten hat. O, sagte darauf der himmlische Vater, das ist etwas Grosses. Auch unser göttlicher Heiland bestärkte seiner Dienerin und erklärte ihr wiederholt, sie sei wirklich berufen, die Andacht zu Seinen heiligen Wunden wieder neu zu beleben: Ich habe dich auserwählt, um die Andacht zu Meinem bitteren Leiden in den traurigen Zeiten, in denen ihr lebt, wieder aufleben zu lassen. Dann zeigte Er ihr Seine heiligsten Wunden wie ein Buch, in dem sie lesen lernen solle und sprach: Wende deine Augen von diesem Buch nicht ab, und du wirst daraus mehr lernen als die grössten Gelehrten wissen. Das Gebet zu meinen heiligen Wunden enthält alles.

Ein anderes Mal, es war im Monat Juni, als Sr. Maria Martha vor dem Allerheiligsten kniete, zeigte er ihr sein heiligstes Herz als die Quelle aller seiner übrigen Wunden und sagte: Meine treue Dienerin Margareta Maria habe ich mir auserwählt, damit die Menschen durch sie mein göttliches Herz kennen lernten; meine kleine Maria Martha habe ich dagegen auserwählt, damit sie die Menschen die Andacht zu meinen andern Wunden lehre. Meine Wunden werden euch unfehlbar retten; sie werden die Welt retten.

Bei einer anderen Gelegenheit sprach er: Deine Aufgabe beseht darin, dafür zu sorgen, dass ich namentlich in der Zukunft durch meine Wunden erkannt und geliebt werde. Er forderte sie auf, unablässig seine heiligen Wunden für das Heil der Welt aufzuopfern: Meine Tochter, die Welt wird mehr oder weniger in Verwirrung sein, je nachdem du deine Aufgabe erfüllt hast. Du bist auserwählt, um meiner Gerechtigkeit Genüge zu leisten. Du sollst hier unten in deinem Kloster ein Leben führen, wie man es im Himmel führt; du sollst mich lieben, mich beständig um Besänftigung meiner Rache bitten und die Andacht zu meinen heiligen Wunden wiedererwecken. Durch diese Andacht sollen nicht nur die Seelen, welche gegenwärtig leben, sondern noch viele andere dazu gerettet werden. Ich werde dich eines Tages zur Rechenschaft ziehen, wie du von diesem Schatz zum Besten all meiner Geschöpfe Gebrauch gemacht hast. In der Tat, meine Braut, sagt er ihr später, ich wohne hier und in allen Herzen. Ich werde darin mein Reich aufrichten und meinen Frieden begründen und durch meine Macht alle Hindernisse beseitigen; denn ich bin der Herr aller Herzen und kenne jegliches Elend. Du bist der Kanal meiner Gnaden. Beachte wohl, der Kanal hat nichts aus sich selbst; er hat nur das, was man durch ihn hindurchleitet. Als Kanal darfst du also nichts für dich behalten, sondern musst alles sagen, was ich dir mitteile. Ich habe dich auserwählt, damit du den Wert der Verdienste meines Leidens allen zuwendest, doch sollst du stets verborgen bleiben. Meine Sache ist es, später der Welt bekannt zu machen, dass sie durch dieses Mittel sowie durch die Hilfe meiner unbefleckten Mutter gerettet wird.

BEWEGGRÜNDE  FÜR  DIE  ANDACHT  ZU  DEN  HEILIGEN  WUNDEN

Als der Gekreuzigte Schwester Maria Martha diese Sendung übertrug, wollte er ihr zugleich die vielen Beweggründe zur Anrufung seiner heiligen Wunden und die reichen Segnungen dieser Andacht kund tun.
    Um sie zu bestimmen, mit allem Eifer für diese Andacht einzutreten, durfte sie jeden Tag, ja fast jeden Augenblick, die unermesslichen Schätze dieser Lebensquellen schauen.
    Ausser meiner hl. Mutter hat keine Seele so wie du die Gnade empfangen, Tag und Nacht meine heiligen Wunden zu schauen.
    Meine Tochter, kennst du den Schatz dieser Welt? Die Welt will nichts von ihm wissen. Ich will dich meine Wunden so schauen lassen, damit du besser begreifst, was ich getan, als ich kam, um für dich zu leiden.
    So oft ihr dem Vater die Verdienste meiner heiligen Wunden aufopfert, gewinnt ihr einen unermesslichen Schatz. Ihr gleicht dem, der auf dem Acker einen grossen Schatz finden würde, doch weil ihr nicht im Stande seid, 
diesen Schatz aufzubewahren, darum nimmt ihn Gott und meine heiligste Mutter und bewahren ihn auf, um euch denselben im Augenblick des Todes wieder zurückzuerstatten und die Verdienste den Seelen, die ihrer bedürftig sind, zuzuwenden; denn ihr müsst den Schatz meiner heiligen Wunden verwerten und zur Geltung bringen.
    Ihr soll nicht arm bleiben, da euer Vater doch so reich ist. Worin besteht euer Reichtum? In meinem heiligen Leiden.
    Wer in der Not ist, komme mit gläubigem Vertrauen und schöpfe immerfort aus dem Schatze meines Leidens und meiner heiligen Wunden.
    Dieser Schatz gehört euch; alles ist darin enthalten, alles, nur die Hölle nicht.
    Einer meiner Jünger hat mich verraten und mein Blut verkauft; ihr könnt so leicht jedes Tröpflein zurückkaufen. Ein einziges Tröpflein genügt, um die ganze Welt rein zu waschen, und ihr denkt nicht daran; ihr kennt nicht den Wert dieses Lösepreises.
    Die Henker taten gut daran, mir die Seite zu öffnen, mir die Hände und Füsse zu durchbohren; damit haben sie Quellen freigelegt, aus denen in alle Ewigkeit die Wasser meiner Barmherzigkeit sich ergiessen werden. Nur die Sünde war schuld daran; sie muss über alles verabscheut werden.
    Mein Vater hat ein besonderes Wohlgefallen an der Aufopferung meiner heiligen Wunden und jener der Schmerzen meiner süssesten Mutter. Mit diesen Aufopferungen bringt ihr ihm die gebührende, unendliche Verherrlichung dar; ihr opfert damit eine himmlische Gabe auf.
    Da hast du, womit du alle Schulden bezahlen kannst. Mit der Aufopferung der Verdienste meiner heiligen Wunden an meinen himmlischen Vater leistest du ihm Genugtuung für die Sünden der Menschen".
    Diese Worte durfte Schwester Maria Martha besonders im Jahre 1868 bei verschiedenen Gelegenheiten hören: sie gingen teils nur sie allein an, teils waren sie durch sie an die ganze Klostergemeinde und an alle Gläubigen gerichtet.
    Jesus drängt sie und mit ihr drängt er auch uns, zu diesem Schatze zu kommen und denselben auszunützen: Man muss sein ganzes Vertrauen auf meine heiligen Wunden setzen und durch ihre Verdienste am Heile der Seelen arbeiten.
    Das muss jedoch mit Demut geschehen: "Als mir meine hl. Wunden geschlagen wurden, glaubte der Mensch in seiner Torheit, damit sei alles zu Ende, doch nein; sie werden ewig bleiben, und alle Geschöpfe werden sie in Ewigkeit schauen. Dies sage ich dir, damit du nicht nur gewohnheitsmässig auf sie hinblickest, sondern sie in Demut verehrest.
     Euer Leben ist nicht von dieser Welt; nehmt die Wunden Jesu hinweg, und ihr werdet ganz irdisch gesinnt. Ihr seid zu sehr ins Sinnliche verstrickt, um die ganze Fülle der Gnaden, welche euch durch ihre Verdienste zuströmen, begreifen zu können. Ihr solltet die Sonne mehr in ihrem vollen Glanz betrachten. Selbst meine Priester betrachten das Kruzifix nicht wie sie sollten; ich will in meiner ganzen Person verehrt werden.
    Die Ernte ist gross und überreich; ihr müsst nicht auf das schauen, was ihr schon erreicht habt, sondern euch verdemütigen und euch in euer Nichts versenken; so werdet ihr Seelen ernten. Niemand braucht sich zu fürchten, die Gläubigen auf meine Wunden hinzuweisen. Der Weg meiner Wunden ist so einfach und leicht, um in den Himmel zu gelangen".
Wir sollen uns ferner dieses Schatzes mit liebeglühendem Herzen bedienen. Eines Tages wies der Herr Schwester Martha auf eine Schar Seraphim hin, die während der heiligen Messe sich um den Altar drängten und sagte zu ihr: Sie sind in der Anschauung der Schönheit und Heiligkeit Gottes versunken; sie bewundern, sie beten an, aber sie können nicht nachahmen. Ihr dagegen sollt euch vor allem betrachtend in das Leiden Jesu hineinversenken und euch bemühen, dem leidenden Heiland gleichförmig zu werden. Wenn ihr die Gnaden erhalten wollt, die ihr wünscht, müsst ihr mit liebentflammten Herzen zu meinen Wunden kommen und voll Eifer die Stossgebetchen verrichten.
   Weiter sollen wir mit festem Glauben an diesen Schatz herantreten: Meine Wunden sind ganz frisch; ihr müsst sie aufopfern, als ob es das erste Mal geschehe.
    In der Betrachtung meiner Wunden findet man alles für sich und für die andern. Ich zeige sie dir, damit du in dieselben eingehest.
Ausserdem sollen wir uns dieses Schatzes mit Vertrauen bedienen: Meine Tochter, du musst dich über die Dinge dieser Welt nicht beunruhigen; erst in der Ewigkeit wirst du schauen, was für einen Gewinn du aus meinen Wunden gezogen hast. - Die Wunden meiner Füsse sind wie ein Meer, führe alle Menschen dorthin; ihre Zugänge sind gross genug, um alle darin aufzunehmen".
    Das soll geschehen im Geiste des Apostolates, ohne je zu ermüden: Es braucht viel Gebet, damit die Andacht zu meinen heiligen Wunden sich überall verbreite. (Als Jesus das sagte, sah die Begnadigte fünf Lichtstrahlen aus seinen
Wunden hervorgehen und den Erdkreis einhüllen).
Meine Wunden erhalten die Welt. Meine Wunden sind die Quellen aller Gnaden; deshalb muss man mich um Vermehrung der Liebe zu meinen heiligen Wunden bitten, sie oft anrufen, den Nächsten darauf hinweisen, davon reden und immer wieder darauf zurückkommen, um so die Seelen für diese Andacht zu gewinnen.
Es wird lange brauchen, um diese Andacht einzuführen; arbeite nur mutig daran. Jedes Wort, das zu Ehren meiner heiligen Wunden gesprochen wird, bereitet mir eine unaussprechliche Freude; ich zähle sie alle. Wenn es auch solche gibt, die von meinen Wunden nichts wissen wollen, so musst du dich doch darum bemühen, dass auch sie für dieselben gewonnen werden.
Eines Tages empfand Schwester Maria Martha einen heftigen Durst; da sprach Jesus zu ihr: Meine Tochter, komm zu mir, und ich werde dir ein Wasser geben, das deinen Durst löscht. Im Kruzifix ist alles enthalten; dort finden alle Seelen genug, um ihren Durst zu löschen. In meinen Wunden habt ihr alles; sie stellen gediegene Werke her, nicht durch Freude, sondern durch Leiden. Ihr seid Arbeiter im Weinberg des Herrn; mit meinen Wunden macht ihr leicht grossen Gewinn. Opfere mir deine Handlungen und die Handlungen deiner Mitschwestern in Vereinigung mit meinen heiligsten Wunden auf. Es gibt nichts, was sie verdienstreicher und in meinen Augen wohlgefälliger machen könnte. Selbst in den kleinsten, unscheinbarsten Handlungen sind unbegreifliche Schätze enthalten.
Bei diesen Mitteilungen und Vertraulichkeiten, die wir im Vorhergehenden ausgeführt haben, hat der Herr Schwester Maria Martha nicht immer alle seine Wunden gezeigt; bisweilen liess er sie nur eine einzige sehen.
So fordert er sie eines Tags auf: Du musst darnach streben, meine Wunden durch deren Betrachtung zu heilen, dann zeigte er ihr seinen rechten Fuss mit den Worten: Wie sehr solltest du diese Wunde verehren und dich gleich der Taube in der Felsenritze darin verbergen. Bei einer andern Gelegenheit zeigte er ihr seine linke Hand und sprach: Meine Tochter, nimm aus meiner linken Hand meine Verdienste und wende sie den Seelen zu, damit sie in der Ewigkeit zu meiner Rechten stehen. Die gottgeweihten Seelen werden zu meiner Rechten sein, um die Welt zu richten, zuvor aber werde ich von ihnen Rechenschaft fordern über die Seelen, die sie hätten retten sollen.

DIE  DORNENKRONE

Jesus verlangt für sein dornengekröntes Haupt eine besondere Verehrung, Sühne und Liebe. Die Dornenkrone verursachte ihm unaussprechliche Schmerzen. Eines Tages sagte Jesus zu seiner Braut: Meine Dornenkrone hat mir mehr Leiden bereitet als alle übrigen Wunden; nach dem Todeskampfe im Ölgarten war sie mein grausamstes Leiden. Um diese Schmerzen zu lindern, müsst ihr eure Regeln beobachten.
Für die Seele, welche treu in Jesu Fussstapfen tritt, bildet sie eine Quelle von Verdiensten: Das ist das Haupt, das aus Liebe zu dir sich durchbohren liess; durch seine Verdienste sollst du einst gekrönt werden. Glückselig die Seele, welche dieses Haupt aufmerksam betrachtet, noch glücklicher jene, welche das, was sie betrachtet, geübt hat. Hier ist euer Leben, wandelt in Einfalt dahin und ihr braucht nichts zu fürchten. Die Seelen, die meine Dornenkrone auf Erden betrachtet und verehrt haben, werden einmal meine Krone im Himmel bilden. Für einen Augenblick, während dessen ihr hier unten diese Dornenkrone betrachtet, werde ich euch eine andere Krone in der Ewigkeit schenken; denn meine Dornenkrone verschafft euch diese Herrlichkeit.
Sie ist das besondere Geschenk, mit dem Jesus seine Lieblinge erfreut: Meine Dornenkrone gebe ich meinen Lieblingen. Sie gehört in bevorzugter Weise meinen Bräuten und bevorzugten Seelen. Sie bildet die Wonne der Seligen im Himmel; doch für meine Lieblinge auf Erden ist sie Leiden. (Bei diesen Worten sah die Schwester aus jedem Dorn einen unbeschreiblich schönen Glorienstrahl hervorgehen).
Meine wahren Diener versuchen zu leiden wie ich gelitten habe, doch niemand kann ein solches Mass von Leiden erreichen, wie ich es erduldet habe.
Von diesen Seelen verlangt Jesus ein zärtliches Mitleid mit seinem anbetungswürdigen Haupte. Eines Tages zeigte er Schwester Maria Martha sein blutendes von Dornen ganz durchbohrtes Haupt mit einem solch leidenden Ausdruck, dass die Schwester keine Worte finden konnte, dies auszudrücken; zugleich sprach er: Siehe den, welchen du suchst, siehe, in welch einem Zustand er sich befindet. Schau her und ziehe die Dornen aus meinem Haupte, dadurch, dass du meinem Vater die Verdienste meiner Wunden aufopferst. Mach dich auf und suche mir Seelen! Es ist wie ein Echo des ewigen: Mich dürstet, es ist die Sorge um das Heil der Seelen, was aus den Worten: mach dich auf und suche mir Seelen, herausklingt.
Merke wohl, das Leiden ist für dich; die Gnaden, die du daraus schöpfen sollst, sind für die anderen. Eine einzige Seele, welche ihr Tun mit den Verdiensten meiner Dornenkrone vereinigt, gewinnt mehr als eine ganze Klostergemeinde.
Hand in Hand mit diesen strengen Forderungen gehen Aufmunterungen, welche das Herz in heiliger Liebe entflammen und alle Opfer gerne bringen lassen. So zeigte er sich der jungen Schwester im Oktober 1867 mit dieser Krone strahlend in himmlischer Glorie und sprach zu ihr: "Meine Dornenkrone wird den Himmel und alle Seligen erleuchten. 
Auf Erden gibt es nur gibt es nur einige bevorzugte Seelen, welchen ich ihre Herrlichkeit zeige; denn die Erde ist zu sehr in Dunkel gehüllt, als dass man diese Herrlichkeit sehen könnte. Siehe, wie schön sie jetzt ist, nachdem sie mir zuvor so viel Schmerz bereitet hat!". 
    Der Herr geht noch weiter. Wie an seinem Leiden, so lässt er sie auch an seinem Triumphe teilnehmen, indem er sie flüchtig ihre künftige Verherrlichung schauen lässt. Eines Tags setzte er ihr diese heilige Krone unter heftigen Schmerzen aufs Haupt mit den Worten: Nimm meine Krone; in diesem Zustand werden dich meine Seligen betrachten. Dann wandte er sich zu den Heiligen und wies auf sein Schlachtopfer hin mit den Worten: Seht, die Frucht meiner Krone! Ist die Krone des Herrn eine Quelle des Heils für die Seligen, so ist sie ein Gegenstand des Schreckens für die Verdammten. Das dufte einst Schwester Maria Martha in einem Bilde schauen. Der göttliche Richterstuhl, vor dem die Seelen gerichtet werden, erschien ganz eingehüllt in die Strahlen, die von der heiligen Krone ausgingen. Ohne Unterbrechen erschienen die Seelen, eine nach der andern, vor dem höchsten Richter. Diejenigen, welche in ihrem Leben treu geblieben waren, warfen sich voll Vertrauen in die Arme des Erlösers; die anderen dagegen stürzten sich bei dem Anblick der heiligen Krone und beim Gedanken an die Liebe Jesu Christi, die sie verachtet hatten, voll Schrecken in den ewigen Abgrund. Diese Erscheinung machte auf die arme Schwester einen so tiefen Eindruck, dass sie beim Erzählen davon vor Furcht und Schrecken noch zitterte.

DAS  HEILIGSTE  HERZ  JESU

Nachdem der Herr der demütigen Laienschwester alle Schönheiten und Schätze seiner heiligen Wunden gezeigt hatte, konnte er ihr unmöglich die Reichtümer verbergen, welche in der grossen Wunde der Liebe enthalten sind. Siehe da die Quelle, aus der ihr alle schöpfen solltet; sie ist überreich für euch , sprach er zu ihr und zeigte ihr seine Wunden in einem Strahlenglanz und die Wunde seines heiligsten Herzens an unvergleichlicher Schönheit die andern überragend. Komm in die Wunde meiner heiligen Seite; das ist die Wunde der Liebe, von der lebendige Flammen ausgehen.
Bisweilen gewährt ihr der Herr mehrere Tage hindurch den Anblick seiner verklärten Menschheit. Bei diesen Gelegenheiten verweilte er bei seiner Dienerin und unterhielt sich vertraulich mit ihr, wie er mit unserer Schwester Margareta Maria Alacoque getan. Diese letztere, die niemals das Herz Jesu verlässt , sagte: So durfte ich den Herrn schauen , während der Heiland sie voll Liebe einlud: Komm in mein Herz und du wirst nichts fürchten. Setze hier deine Lippen an, um die Liebe daraus zu trinken und sie dann in der Welt zu verbreiten. Lege deine Hand hierher und nimm meine Schätze!
Eines Tages offenbarte er ihr sein grosses Verlangen, die Gnaden auszuteilen, von denen sein Herz übervoll ist. Nimm, denn das Mass ist voll. Ich kann sie nicht mehr zurückhalten, so drängt es mich, sie auszuteilen.
Ein anderes Mal lädt er sie ein, diese Schätze immer wieder auszunützen: Kommet und empfanget den Erguss meines Herzens, das so sehr verlangt, seine Überfülle auszugiessen. Ich will von meinem Überfluss in euch ergiessen; denn ich habe heute in meiner Barmherzigkeit Seelen aufgenommen, welche durch eure Gebete gerettet worden sind.
In verschiedener Weise fordert er sie fast jeden Augenblick auf, ein Leben der Vereinigung mit seinem göttlichen Herzen zu führen: Halte dich innig mit diesem Herzen vereinigt, um mein Blut zu nehmen und anderen davon mitzuteilen. Wollt ihr in das Licht des Herrn eingehen, dann müsst ihr euch in meinem göttlichen Herzen verbergen. Wollt ihr die ganze Tiefe der Barmherzigkeit dessen kennen lernen, der euch so sehr liebt, so drückt voll Ehrfurcht und Demut eure Lippen auf die Öffnung meines heiligsten Herzens.
Hier ist euer Mittelpunkt, niemand kann euch hindern, dieses Herz zu lieben oder andere es lieben zu lehren, ohne dass euer Herz dabei ist. Die Geschöpfe mögen sagen, was sie wollen, sie können euch niemals euren Schatz, eure Liebe rauben. Ich will, dass ihr mich ohne menschlichen Trost liebt.
Darauf besteht der Herr und richtet an alle seine Bräute eine dringende Aufforderung: Eine gottgeweihte Seele muss von allem losgeschält sein. Wer zu meinem Herzen gelangen will, darf keinerlei Anhänglichkeit haben, die ihn noch an die Erde fesselt. Wer den Herrn finden will, muss ganz allein nach ihm ausgehen; ihr müsst dieses Herz in eurem eigenen Herzen suchen.
Dann wendet er sich wieder an Schwester Maria Martha; doch durch sie wendet er sich an alle, besonders an die ihm geweihten Seelen: Ich brauche dein Herz; es soll mich entschädigen und mir Gesellschaft leisten. Ich werde dich lehren, mich zu lieben, denn du verstehst es nicht ... Die Wissenschaft der Liebe schöpft man nicht aus Büchern; sie wird nur der Seele zuteil, welche den Gekreuzigten betrachtet und mit ihm vertraulich verkehrt. Bei all deinem Tun musst du dich mit mir vereinigen.
Dann liess sie der Herr die Bedingungen und wunderbaren Segnungen der innigen Vereinigung mit seinem Herzen erkennen: Die Braut verliert ihre Zeit, wenn sie bei ihren Leiden und Mühen nicht am Herzen ihres Bräutigams ruht. Hat sie Fehler begangen, so braucht sie sich nur mit grossem Vertrauen an mein Herz anzuschmiegen. In diesem Feuerofen verschwinden alle eure Untreuen; die Liebe vernichtet und verzehrt sie alle. Ihr sollt mich lieben und alles mir überlassen. Ihr sollt am Herzen eures Meisters wie Sankt Johannes ruhen. Wenn ihr ihn so liebt, verschafft ihr ihm eine grosse Verherrlichung.
O wie sehr verlangt Jesus nach unserer Liebe! Er bettelt darum! Eines Tages erschien er seiner Dienerin in der Verklärung seiner Auferstehung und sprach zu ihr mit einem tiefen Seufzer: So bettle ich wie ein Armer tun würde. Ich bin ein Bettler der Liebe. Ich rufe meine Kinder eines nach dem andern; ich lasse meinen Blick mit Wohlgefallen auf ihnen ruhen, wenn sie zu mir kommen. Ich erwarte sie.
Dann nahm er die Gestalt eines Bettlers an und wiederholte ganz betrübt: Ich bettle um Liebe; doch die meisten selbst unter den mir geweihten Seelen versagen mir diese Liebe. Meine Tochter, liebe mich rein nur um meiner selbst willen ohne Rücksicht auf Strafe oder Belohung. Er wies dann auf die heilige Schwester Margareta Maria hin, die mit ihrem Blick das Herz Jesu gleichsam verschlang und sagte: Diese hat mich mit dieser reinen Liebe einzig um meiner selbst willen geliebt.
Auch Schwester Maria Martha suchte Jesus mit derselben Liebe zu lieben. Wie ein gewaltiger Feuerherd zog das göttliche Herz sie an sich und sie eilte ihm mit einem Liebeseifer entgegen, der sie verzehrte und doch wieder ihr Herz mit himmlischer Süssigkeit erfüllte. Jesus sprach zu ihr: Meine Tochter, wenn ich mir ein Herz erwählt habe, damit es mich liebe und meinen Willen erfülle, so entzünde ich in ihm das Feuer meiner Liebe.
Doch fache ich dieses Feuer nicht ununterbrochen an aus Furcht, die Eigenliebe könnte dabei auf ihre Rechnung kommen und meine Gnaden könnten nur gewohnheitsmässig und als etwas Selbstverständliches in Empfang genommen werden. Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück und überlasse die Seele ihrer eigenen Schwäche. Dann kommt es ihr zum Bewusstsein, was sie aus sich selbst vermag; sie begeht Fehler, doch diese Fehler erhalten sie in der Demut.
Ob dieser Fehler verlasse ich die Seele, die ich einmal erwählt habe, keineswegs; ich behalte sie stets im Auge. Ich bin nicht so empfindlich; ich verzeihe und komme wieder. Jede Demütigung vereinigt dich inniger mit meinem Herzen. Ich verlange von dir keine grossen Dinge; ich will nichts anderes als die Liebe deines Herzens. Schmiege dich eng an mein Herz und du wirst finden, wie es ganz von Güte erfüllt ist. Hier lernst du die Milde und die Demut. Komm, mein Kind, und wirf dich in mein Herz. Diese Vereinigung ist nicht nur für dich, sondern für alle deine Mitschwestern. Sage deiner Oberin, sie möge in diese Wunden alle Handlungen deiner Mitschwestern, auch die Erholungen hineinlegen; sie sind dort wie auf einer Bank angelegt und werden gut verwahrt. (Als Schwester Maria Martha diesen Ausspruch des Herrn ihrer Oberin berichtete, unterbrach sie sich und fragte: Was soll das Wort Bank bedeuten? Eine Frage kindlicher Unwissenheit! Dann fuhr sie fort): Ihr müsst durch Demut und Selbstverleugnung eure Herzen mit dem meinigen vereinigen. O, meine Tochter, wenn du wüsstest, wie sehr mein Herz unter dem Undank so vieler Herzen leidet! Ihr sollt eure Leiden mit den Leiden meines Herzens vereinigen.
Denen, welche mit der Leitung der anderen betraut sind, erschliesst das göttliche Herz besonders seine Reichtümer: Du wirst einen Akt besonderer Liebe verrichten, wenn du jeden Tag meine heiligen Wunden für alle Novizenmeisterinnen des Ordens aufopferst. Sage deiner Novizenmeisterin, sie möge kommen und ihre Seele an der Quelle füllen, dann wird ihr Herz morgen voll sein, um meine Gnaden über euch ausgiessen zu können.
Ihr kommt es zu, das Feuer der heiligen Liebe in den Seelen zu entzünden, dadurch, dass sie recht oft von den Leiden meines Herzens spricht. Ich werde allen die Gnaden schenken, die Grundsätze meines heiligsten Herzens zu verstehen. Durch Arbeit und Mitwirkung werden die Seelen alle in der Todesstunde dahin gelangen. Meine Tochter, deine Oberinnen sind die Schatzmeisterinnen meines Herzens. Ich muss an Gnade und an Leiden in ihre Seele hineinlegen können, was ich will. Sag deiner Oberin, sie soll kommen und an diesen Quellen (seines Herzens und seiner Wunden) für ihre Schwestern schöpfen. Sie soll auf mein heiligstes Herz hinschauen und ihm alles anvertrauen, ohne sich um die Menschen zu kümmern.

VERHEISSUNGEN  DES  HERRN

Der göttliche Heiland begnügte sich nicht damit, Schwester Maria Martha seine Wunden anzuvertrauen, ihr die dringenden Beweggründe und die Segnungen dieser Andacht darzulegen und zugleich die Bedingungen anzugeben, welche den Erfolg dieser
dieser Andacht sicher stellen; er gab ihr auch noch eine Menge der anregendsten Verheissungen. Diese Verheissungen kehren so oft und unter so verschiedenen Formen wieder, dass es uns schwer wird, uns auf einige zu beschränken; doch schliesslich ist der Hauptgedanke immer derselbe.

1. Die Andacht zu den heiligen Wunden kann nicht täuschen:
Du brauchst nicht zu fürchten, meine Tochter, in der Andacht zu meinen Wunden zu weit zu gehen; denn hier wird man niemals getäuscht, selbst dann nicht, wenn die Dinge unmöglich scheinen.
Ich werde alles gewähren, um was immer man mich durch die Anrufung meiner heiligen Wunden bittet; man muss diese Andacht verbreiten. Ihr werdet alles erreichen; denn es ist das Verdienst meines Blutes, das einen unendlichen Wert hat.
Mit meinen Wunden und mit meinem Herzen könnt ihr alles erreichen.

2. Die Wunden Jesu heiligen die Seelen und bürgen für den Fortschritt im geistlichen Leben:
Aus meinen Wunden kommen die Früchte der Heiligkeit. Wie das Gold im Feuerofen schöner wird, so musst du deine und deiner Schwestern Seelen in meine heiligen Wunden legen; dort werden sie sich vervollkommnen wie das Gold im Schmelzofen. Ihr könnt euch jederzeit in meinen Wunden rein waschen. Meine Wunden werden eure Wunden heilen. Meine Wunden werden alle eure Fehler bedecken. Jene, welche meine Wunden verehren, werden zur wahren Kenntnis Jesu Christi gelangen.

Die Betrachtung meiner Wunden wird eure Liebe stets von neuem anfachen.

3. Die heiligen Wunden machen alles wertvoll:
Meine Tochter, versenke dein Tun in meine Wunden, und es wird etwas gelten. Alle eure Handlungen, mögen sie noch so unscheinbar sein, erlangen einen unendlichen Wert und erfreuen mein Herz, wenn sie in mein Blut getaucht sind. Wenn ihr sie für die Bekehrung der Sünder aufopfert, so werdet ihr, auch wenn diese sich nicht bekehren sollten, vor Gott dasselbe Verdienst haben, als hätten sie sich bekehrt.

4. Die heiligen Wunden sind ein Balsam und verleihen Kraft im Leiden:
Wenn ihr eine Schwierigkeit oder etwas zu leiden habt, bringt es schnell in meine heiligen Wunden, und die Schwierigkeit wird leichter zu ertragen sein.
Bei den Kranken muss man oft das Stossgebetchen wiederholen:
MEIN JESUS, VERZEIHUNG UND BARMHERZIGKEIT DURCH DIE VERDIENSTE DEINER HEILIGEN WUNDEN!
Dieses Gebet wird Leib und Seele aufrichten.

5. Die heiligen Wunden enthalten eine wunderbare Kraft für die Bekehrung der Sünder:
Von Angst erfasst beim Gedanken an die Sünder der Welt, rief Schwester Maria Martha eines Tages aus: "Mein Jesus, nimm dich deiner Kinder an und schaue nicht auf ihre Missetaten." Als Antwort darauf lehrte er sie das Stossgebetchen: MEIN JESUS, VERZEIHUNG UND BARMHERZIGKEIT DURCH DIE VERDIENSTE DEINER HEILIGEN WUNDEN , und fügt dann bei: Viele werden die Wirksamkeit dieses Stossgebetchens erfahren.
Ich wünsche, setzte der Heiland hinzu, dass die Priester ihren Beichtkindern dieses Stossgebetchen in der heiligen Beicht aufgeben.
Wenn ein Sünder das folgende Gebetchen spricht:
EWIGER VATER, ICH OPFERE DIR DIE WUNDEN UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS AUF, UM DIE WUNDEN UNSERER SEELEN ZU HEILEN, so wird er bekehrt werden.

6. Die heiligen Wunden retten die Welt und verbürgen einen guten Tod:
Meine heiligen Wunden werden euch unfehlbar retten; sie werden die Welt retten. Für die Seele, welche in meinen Wunden verscheidet, gibt es keinen Tod; meine Wunden geben ihr das Leben.

7. Durch die heiligen Wunden vermögen wir alles bei Gott:
Aus dir selbst bist du nichts; ist aber deine Seele mit meinen Wunden vereint, so wird sie mächtig; sie kann selbst mehrere Dinge zugleich erreichen: nämlich Verdienste erwerben und Hilfe erlangen für alle Anliegen, ohne dass es nötig wäre, diese einzeln anzuführen . Dann legte ihr der Heiland seine heilige Hand aufs Haupt und sprach: "Ich habe dir jetzt meine Macht mitgeteilt. Denen, welche gleich dir nichts haben, schenke ich gerne die meisten Gnaden. Meine Macht liegt in meinen Wunden; mit ihnen wirst du mächtig, ja du kannst damit alles erreichen, weil dir mit ihnen alle Macht zuteil geworden ist. In gewissem Sinne vermagst du sogar mehr als ich. Du kannst meine Gerechtigkeit entwaffnen, denn wenn auch alles Gute von mir kommt, so will ich doch, dass man mich darum bittet und zu mir fleht."

8. Die heiligen Wunden werden insbesondere den Schutz der Klostergemeinde bilden:
Als im Oktober 1873 die politische Lage immer kritischer wurde, so berichtet Mutter Theresia Eugenia Revel, hielten wir eine Novene zu den heiligen Wunden Jesu. Sogleich bekundete der göttliche Heiland der Vertrauten seines Herzens seine Freude darüber und beruhigte sie mit den trostvollen Worten: "Ich liebe deine Klostergemeinde so sehr; es wird ihr nie ein Übel widerfahren. Deine Oberin soll sich nicht an die Tagesneuigkeiten halten, die oft Falsches berichten. Mein Wort allein ist wahr. Ich sage es euch; ihr braucht nichts zu fürchten. Wenn ihr nicht mehr beten würdet, dann hättet ihr allerdings Grund zur Furcht. Der Rosenkranz der Barmherzigkeit ist ein Gegengewicht gegen meine Gerechtigkeit; er hält meine Rache auf."
Als der göttliche Heiland das Geschenk seiner heiligen Wunden an die Klostergemeinde neuerdings bestätigte, sagte er: "Das ist euer Schatz. In dem Schatze der heiligen Wunden sind Kronen enthalten, die ihr nehmen und andern geben müsst. Ihr könnt das, wenn ihr die heiligen Wunden meinem himmlischen Vater aufopfert, damit durch sie die Wunden aller Seelen geheilt werden. Alle Seelen, denen ihr durch eure Gebete die Gnade eines guten Todes erlangt, werden euch eines Tages dafür danken. An diesem Tage des Gerichtes werden alle Menschen vor meinem Richterstuhl erscheinen und ich werde ihnen dann meine Bräute zeigen, welche durch meine heiligen Wunden die Welt entsühnt haben. Der Tag kommt ganz bestimmt, an dem ihr diese grossen Dinge schauen werdet. Meine Tochter, ich habe dir dies gesagt, nicht um dich stolz zu machen, sondern um dich zu verdemütigen; denn beherzige es wohl: all das ist nicht für dich, sondern für mich, damit du mir Seelen zuführest." Unter den Verheissungen des Herrn verdienen zwei eine besondere Erwähnung, nämlich die, welche die heilige Kirche und jene, welche die Armen Seelen betrifft.

DIE  HEILIGEN  WUNDEN  UND  DIE  KIRCHE

Der göttliche Heiland wiederholte Schwester Maria Martha oft die Verheissung, die heilige Kirche werde durch die Macht seiner Wunden und der unbefleckten Jungfrau Maria triumphieren.
Meine Tochter, du musst deine Aufgabe gut erfüllen; sie besteht darin, meine heiligen Wunden dem ewigen Vater aufzuopfern; denn dadurch wird die Kirche zum Triumphe gelangen und zwar durch die Vermittlung meiner unbefleckten Mutter. Doch gleich von Anfang an beugt der Herr jeder Täuschung und jeder verkehrten Auffassung vor. Es wird sich nicht um einen materiellen, sichtbaren Triumph handeln, wie manche glauben. Vor dem Schifflein Petri werden sich die Wogen niemals gänzlich glätten, bisweilen werden sie mit furchtbarer Wut gegen dasselbe anstürmen, dass man zittern könnte. Kampf, steter Kampf ist ein Lebensgesetz der Kirche. Daran denkt man nicht, wenn man um den Triumph der Kirche betet:
Meine Kirche wird niemals einen sichtbaren Triumph feiern. Doch ungeachtet aller Kämpfe und Bedrängnisse verwirklicht sich in der Kirche und durch die Kirche Christi Werk: die Rettung der Welt. Das Werk Christi wird sich umso mehr verwirklichen, je mehr das Gebet, das in den Plan Gottes aufgenommen ist, des Himmels Hilfe herabfleht.
Besonders gern gewährt Gott unsere Bitten, wenn wir ihn im Namen der Wunden des Erlösers anrufen. Darauf kommt Jesus oft zurück:
Die Anrufung der heiligen Wunden wird der Kirche einen andauernden Sieg erlangen.
Du musst unablässig aus diesen Quellen schöpfen, um den Triumph meiner Kirche zu beschleunigen. Ach Herr, wie lange heisst du mich das schon tun, und der Triumph zeigt sich nicht, sagte die Schwester in ihrer Einfalt. Meine Tochter, entgegnete ihr der Herr, du solltest schon damit zufrieden sein, dass ich euch nicht mehr züchtige. Du hältst meinen Arm zurück. Ich verspreche dir den Triumph aber nur nach und nach.
Der heilige Ordensstifter ergänzte die Belehrung des Herrn:
Wenn auch der göttliche Heiland den Triumph durch die Unbefleckte verheisst, dürft ihr doch nicht nachlassen mit der Aufopferung der heiligen Wunden.
Während einer grossen Kirchenverfolgung flehte Schwester Maria Martha oft, Jesus möchte den Hl. Vater unter den Schutz seiner heiligen Wunden nehmen. Dieses Gebet gefiel dem Herrn sehr; er liess die Schwester die reiche Gnadenfülle schauen, welche er über Papst Pius IX. ausgoss und wie die in ihrer Klostergemeinde verrichteten Gebete viel dazu beitrugen. Aus meinen Wunden strömt ihm eine ganz besondere Gnade zu.
Gegen Ende des Jahres 1867 offenbarte ihr der Herr: Der Hl. Vater muss noch viel leiden; es wird für ihn keinen Frieden mehr geben; doch wird er dank des Gebetes in der Trübsal auf dem Hl. Stuhl sich halten können . All das beweist wiederum, wie sehr dem Herrn darum zu tun ist, uns vor jeder Täuschung zu bewahren.
Darum verlangt er auch immer wieder Gebete. Ich will, dass diese Klostergemeinde durch das Gebet und besonders durch die Anrufung meiner heiligen Wunden eine Stütze des Hl. Stuhles bilde. Damit stellt ihr seinen Feinden einen Wall entgegen.
Die in dieser Meinung verrichteten Gebete bereiteten ihm ein besonderes Wohlgefallen: Ich freue mich über die Gebete, welche deine Klostergemeinde für die Kirche verrichtet.
Eure Glorie wird um einen Grad vermehrt werden, weil ihr gute Soldaten des Heiligen Vaters gewesen seid. Ihr könnt das immer sein, wenn ihr viel für die heilige Kirche betet. Er schliesst mit der Versicherung eines Schutzes, gegen den keine Macht etwas vermag: ,,Solange meine Wunden euch beschützen, braucht ihr weder für euch noch für die Kirche etwas zu fürchten. Wenn dieses Gut euch abginge, würdet ihr erst begreifen, was ihr habt.

DIE  HEILIGEN  WUNDEN  UND  DIE  ARMEN  SEELEN

Die Wohltat der heiligen Wunden zieht Gottes Gnade vom Himmel herab und führt die Armen Seelen zum Himmel

Die Wohltat der heiligen Wunden zieht Gottes Gnade vom Himmel herab und führt die Armen Seelen zum Himmel empor. So oft ihr den Gekreuzigten mit reinem Herzen anschaut, erlangt ihr die Befreiung von fünf Seelen aus dem Fegfeuer, eine für jede Wunde. Wenn ihr mit ganz reinem, losgeschälten Herzen den Kreuzweg betet, erlangt ihr um der Verdienste einer jeden meiner Wunden willen bei jeder Station dieselbe Gnade. Wenn ihr meine heiligen Wunden für die Sünder aufopfert, vergesst nicht, es auch für die Armen Seelen zu tun; denn nur wenige denken daran, ihre Leiden zu erleichtern. Die heiligen Wunden sind der grösste Schatz für die Armen Seelen.
Das wollte der göttliche Heiland Schwester Maria Martha in einem Bilde zeigen. An einem Sonntag in der Fastenzeit konnte sie ob ihres leidenden Zustandes der Predigt nicht beiwohnen.
Da kam Jesus zu ihr und sprach: Ich will dir eine Beschäftigung geben; opfere deine Leiden in Vereinigung mit meinem göttlichen Leiden für die Armen Seelen auf. Die Schwester tat, wie der Herr ihr befohlen; da sah sie, wie bei jeder Aufopferung eine Seele in den Himmel einging. Sie war gerade bei der zwanzigsten Aufopferung, als ihr der Ewige Vater erschien und zu ihr sprach: Ich gebe dir dieselbe Gewalt wie ich sie meinem Sohne gegeben habe; nur musst du mir dein Herz mit dem Seinigen vereint aufopfern . Sie bemühte sich, das zu tun und so oft sie diese Aufopferung und Vereinigung wiederholte, sah sie einen ganzen Schwarm von Seelen, wie sie sich ausdrückte, gleich einem Schwarm von Vögeln zum Himmel emporschweben. Die Seelen, die sie befreit hatte, kamen bisweilen, um ihr zu danken und sagten zu ihr: Das Fest, das uns gerettet hat, das Fest der heiligen Wunden, dauert fort. Wir haben den Wert dieser Andacht erst in dem Augenblick erkannt, als wir in die Freude Gottes eingehen duften. Wenn du die heiligen Wunden unseres Heilandes seinem Vater aufopferst, bewirkst du gleichsam eine zweite Erlösung.
Unter der Schar dieser Seelen stehen einer Klosterfrau ohne Zweifel die Seelen ihrer Mitschwestern am nächsten. Für sie betete und litt denn auch Schwester Maria Martha ganz besonders; die seligste Jungfrau gab ihr zu verstehen, wie wohlgefällig ihr das sei: Die Seelen deiner Mitschwestern im Fegfeuer sind meine Kinder. Es bereitet mir eine grosse Freude, wenn du um ihre Befreiung betest; es schmerzt mich sehr, sie in den Flammen dieses Feuers sehen zu müssen; es entgeht ihnen fast keine. Ich bin Königin und will, dass diese Seelen mit mir herrschen. Trotz unserer Macht können wir, mein Sohn und ich, sie nicht befreien; sie müssen sühnen, was sie gefehlt; aber ihr könnt sie so leicht trösten und ihnen den Himmel öffnen, wenn ihr Gott dem Vater die heiligen Wunden für sie aufopfert. Opfere sie für alle ihre Regelübertretungen auf sagte einmal der göttliche Heiland.

Kurz nach ihrem Tode erschien ihr eine verstorbene Mitschwester und erklärte: Ich glaubte alle meine Handlungen nur für Gott zu verrichten; doch als sie mir gezeigt wurden, sah ich sie voll natürlicher Beweggründe. Nur mein Vertrauen auf die Wunden unseres Herrn und Heilandes hat mich gerettet. O wie gut ist es, in den Wunden unseres Herrn Jesus Christus zu sterben!

DIE  HEILIGEN  WUNDEN  UND  DER  HIMMEL

Um all diesen herrlichen Verheissungen gleichsam die Krone aufzusetzen, liess der liebe Heiland Schwester Maria Martha in den heiligen Wunden das Unterpfand unserer künftigen Herrlichkeit erkennen und das Glück schauen, das ihr Anblick den Himmelsbewohnern bereitet.
Die Seelen, die in Demut beten und mein Leiden betrachten, werden einmal an der Herrlichkeit meiner göttlichen Wunden Anteil haben, eine strahlende Schönheit und Glorie wird sich daraus über alle Glieder ergiessen .
Je mehr ihr auf Erden meine schmerzlichen Wunden betrachtet habt, umso mehr werdet ihr sie in ihrer ganzen Glorienschönheit im Himmel schauen dürfen.
Eine Seele, die während ihres Lebens die Wunden Jesu verehrt, verwertet und sie dem Ewigen Vater für die Armen Seelen aufgeopfert hat, wird bei ihrem Hinscheiden von der seligsten Jungfrau und den heiligen Engeln begleitet werden und der Heiland am Kreuze ganz strahlend in Herrlichkeit wird sie aufnehmen und krönen.
Eines Tages kam Schwester Maria Martha der Gedanke, es sei eitle Zeitverschwendung, immer und immer wieder die heiligen Wunden aufzuopfern. Der göttliche Heiland tadelte sie darob: Vergeuden etwa meine Auserwählten die Zeit mit mir, weil sie immer dasselbe tun? Sie lieben mich, beten mich an, betrachten meine Wunden und danken mir und ihre Freude ist stets vollkommen.
Zugleich durfte die glückliche Schwester die seligste Jungfrau mit den Heiligen sehen, wie sie die Wunden Jesu betrachten: Wenn ich und die Heiligen im Himmel sind, sagte die seligste Jungfrau, so verdanken wir das den Verdiensten der göttlichen Wunden meines lieben Sohnes.
Wenn ihr euch diese Wunden zu nutzen macht, werdet auch ihr gross werden. Dann fuhr der Heiland fort: Meine Tochter, wo anders werden meine Heiligen gebildet, als in meinen Wunden? Alle meine Heiligen sind die Frucht meiner Wunden.
Meine Wunden dienen auf ewig zu meiner und zu euerer Verherrlichung. In meinen Wunden, im Strahlenglanz dieser fünf Sonnen, sollen eines Tages meine Bräute herrschen. Die Seligen, die sie schon Jahrhunderte lang betrachten, werden nicht ersättigt davon; sie werden sie immer betrachten und immer neu Freuden daraus schöpfen.
O wie nichtig ist doch die Erde im Vergleich mit einem so hohen Gute!
Sehr oft durfte die Schwester einen Blick in den Himmel tun, dabei vernahm sie die Stimme Gottes des Vaters: Siehe, meine Tochter, all das ist die Frucht der Leiden meines Sohnes. All dies wird dir gezeigt, damit du mit umso grösserem Vertrauen und umso mehr Freude die heiligen Wunden Jesu aufopferst.

FORDERUNGEN  DES  HEILANDES

Als Gegengabe für all die ausserordentlichen Gnaden verlangt Jesus nur zwei Übungen von der Klostergemeinde: Die heilige Stunde und den Rosenkranz von den heiligen Wunden. Als im Jahre 1867 in der Gegend von Chambéry die Cholera wütete und so viele Opfer forderte, äusserte der göttliche Heiland den Wunsch, jeden Freitag möchten fünf Schwestern die heilige Stunde halten und zwar sollte dabei jeder Schwester die Verehrung einer seiner heiligen Wunden zugewiesen werden.
(Schwester Maria Martha betrachtete die Wunden der Füsse als eine einzige Wunde, während für sie das blutende, dornengekrönte Haupt die fünfte Wunde bildete.)
Die seligste Jungfrau schloss sich dem Verlangen ihres göttlichen Sohnes an und sagte mit schmerzlichem Bedauern:
Auf der ganzen Welt gibt es kein Kloster, in dem die heiligen Wunden Jesu am Freitag Abend ganz besonders verehrt werden. Während dieser Stunde sollt ihr diese heiligen Öffnungen betrachten und euch in dieselben hineinversenken. Sie belehrte die Begnadigte, wie sie diese fromme Übung anstellen sollte. Sie erschien ihr als schmerzhafte Mutter mit ihrem Sohne auf den Armen und sprach: Ich habe die Wunden meines lieben Sohnes das erste Mal betrachtet, als sein heiligster Leib vom Kreuze abgenommen und in meine Arme gelegt wurde. Ich habe seine Schmerzen erwogen und versucht, sie in meinem Herzen nachzuempfinden. Ich habe seine heiligen Füsse, einen nach dem andern betrachtet, von da habe ich mich seinem heiligsten Herzen zugewendet; da sah ich diese grösste Wunde, die tiefste und schmerzlichste für mein Mutterherz.
Dann betrachtete ich die linke Hand und darnah die rechte und endlich die Dornenkrone. Alle diese Wunden durchbohrten mein Herz. Das war meine Passion, mein Leiden. Ein siebenfaches Schwert der Schmerzen durchbohrt mein Herz und durch mein Herz muss man die heiligen Wunden meines göttlichen Sohnes verehren.


Etwa um dieselbe Zeit (1867/68) führten die Vorgesetzten das tägliche beten des ROSENKRANZES VON DEN HEILIGEN WUNDEN ein.

Dieser Rosenkranz wurde von Anfang an in folgender Weise gebetet:
An Stelle des Glaubensbekenntnisses und der drei ersten Perlen betet man:
O JESUS, GÖTTLICHER ERLÖSER, SEI UNS UND DER GANZEN WELT GNÄDIG UND BARMHERZIG. AMEN.
STARKER GOTT, HEILIGER GOTT, UNSTERBLICHER GOTT, HAB ERBAMEN MIT UNS UND MIT DER GANZEN WELT. AMEN.
GNADE UND ERBARMEN, O MEIN JESUS, IN DEN GEGENWÄRTIGEN GEFAHREN, BEDECKE UNS MIT DEINEM KOSTBAREN BLUTE. AMEN.
EWIGER VATER, ERZEIGE UNS BARMHERZIGKEIT DURCH DAS BLUT JESU CHRISTI, DEINES VIELGEBLIEBTEN SOHNES, ERZEIGE UNS BARMHERZIGKEIT, WIR BECHWÖREN DICH DARUM. AMEN, AMEN, AMEN .
(Diese Anrufungen stammen von einem Geistlichen in Rom.)
Bei den kleinen Perlen wird gebetet:
MEIN JESUS, VERZEIHUNG UND BARMHERZIGKEIT DURCH DIE VERDIENSTE DEINER HEILIGEN WUNDEN (300 Tage Ablass).
Bei den grossen Perlen wird gebetet:
EWIGER VATER, ICH OPFERE DIR DIE WUNDEN UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS AUF, UM DIE WUNDEN UNSERER SEELEN ZU HEILEN (300 Tage Ablass).
Am Schluss wiederholt man drei Mal: EWIGER VATER usw.



Diese beiden letzten Anrufungen hatte der Herr selbst gelehrt und mit ihnen so reiche Verheissungen verknüpft. Sie wurden zunächst mit einem Ablass von 300 Tagen versehen, der aber nur von den Mitgliedern der Heimsuchung gewonnen werden konnte. Am 16. Januar 1924 wurde dieser Ablass durch ein Indult der heiligen Pönitenziarie allen Gläubigen bewilligt. Es war für die Oberinnen nicht leicht, das Beten des Rosenkranzes von den heiligen Wunden einzuführen. Es war ähnlich wie in ParayleMonial, wo ein allzu starres Festhalten am Buchstaben der Regel der Einführung der HerzJesuAndacht sich entgegenstemmte. Die Vorgesetzten und die arme Laienschwester hatten darunter nicht wenig zu leiden. Doch der Herr tröstet sie: Gott gibt zwar seine Gnaden, doch geht es nie ohne Schwierigkeiten ab, wenn es sich darum handelt, seinen Willen zu erfüllen. Meine Wunden gehören euch; ihre Verdienste sind für den Teufel verloren, deshalb ist er so wütend auf euch. Doch je mehr Hindernisse und Schwierigkeiten euch entgegentreten, umso reichlicher wird meine Gnade euch zu teil.
Nur keine Furcht; hinwegschreiten über die Hindernisse, das ist die wahre Liebe. Der, welcher euch hält, ist unüberwindlich; ich werde stets für euch eintreten, doch dieses Leiden ist notwendig.
Mit einem Schlüssel in der Hand und mit ernster Miene
 schien Gott Vater zu drohen: Wenn ihr nicht tut, was ich von euch verlange, werde ich die Quellen der heiligen Wunden schliessen und sie andern geben. Mit liebevoller Geduld und Festigkeit konnten die Oberinnen, Mutter Therese Eugenie und Mutter Maria Alexis das tägliche Beten des Rosenkranzes von den heiligen Wunden in der Klostergemeinde einführen. Jesus half ihnen dabei ganz offensichtlich:
Eine Schwester, die ob ihres Wissens und ihres gesunden Urteils im Kloster besonderes Ansehen genoss, war am meisten gegen die neue Andacht eingenommen. Eines Tages kam zu ihr die arme Laienschwester im Auftrage des Herrn und offenbarte ihr etwas, was in den Tiefen ihrer Seele zwischen Gott und ihr sich abgespielt und was sie noch keinem Menschen anvertraut hatte, was darum auch Schwester Maria Martha nur von Gott selbst erfahren haben konnte. Diesem Beweis ergab sich die Schwester ohne weiteres und suchte jetzt ihren Widerstand dadurch wieder gut zu machen, dass sie kleine Bildchen der Heiligen Wunden anfertigte, um damit deren Verehrung zu verbreiten.
Die Andacht zu meinen Wunden, versicherte der Heiland, ist das Heilmittel für diese Zeit der Gottlosigkeit. Ich will sie; ihr müsst die Anrufungen mit grossem Eifer aussprechen.
Je mehr die Andacht Boden gewann, umso mehr wütete der Teufel. Er hatte es besonders auf Sr. Maria Martha abgesehen und verspottete sie: Was machst du denn da? Du verlierst die Zeit; während die andern aus ihren Büchern schöne Gebete sprechen, wiederholst du immer dasselbe.
Doch Jesus vertrieb den Teufel: Meine Tochter, ich weiss alles, ich rechne alles an. Sag nur deiner Oberin, ich lege grossen Wert auf jede Anrufung. Sie soll alles, was in ihrer Macht steht, aufbieten, um das Beten des Rosenkranzes der Barmherzigkeit aufrecht zu erhalten.
Wie glücklich müsst ihr euch schätzen, dass ich euch das Gebet, das mich entwaffnet, gelehrt habe:

MEIN JESUS, VERZEIHUNG UND BARMHERZIIGKEIT DURCH DIE VERDIENSTE DEINER HEILIGEN WUNDEN.

Die Gnaden, die ihr auf diese Anrufung hin empfanget, sind feurige Gnaden; sie kommen vom Himmel und sollen euch dorthin führen.
Sag deiner Oberin, sie werde jederzeit und in jedem beliebigen Anliegen erhört, wenn sie mich durch meine heiligen Wunden bittet, indem sie den Rosenkranz der Barmherzigkeit beten lässt.
Eure Klöster ziehen Gottes Gnaden auf die Diözesen herab, in denen sie sich befinden; wenn ihr meinem Vater meine heiligen Wunden aufopfert, sehe ich euch, als würdet ihr die Hände gen Himmel emporheben, um Gnaden zu empfangen. Dieses Gebet stammt denn auch wirklich nicht von der Erde; es stammt vom Himmel; mit ihm kann man alles erreichen. Sage deiner Oberin, sie soll sich daran erinnern, es für die Zukunft aufschreiben, damit ihr vor allem zu demselben eure Zuflucht nehmet.
Diese Aufforderungen des Herrn waren nicht vergeblich.
Der Gebrauch, täglich zu diesem Gebet des Himmels seine Zuflucht zu nehmen, hat sich erhalten. Bei grossen Schwierigkeiten, in wichtigeren Anliegen, bei drohenden Gefahren werden diese Anrufungen häufiger und inbrünstiger.
Nach einer fünfzehnjährigen Erfahrung kann die Klostergemeinde diese Erklärung abgeben, dass ihr Vertrauen niemals zu Schanden geworden ist. Nicht als ob Prüfungen uns erspart geblieben wären, nicht als ob der Tod nicht bei uns angeklopft hätte, nein, allein die Prüfungen waren durch vielen Trost gemildert und das Sterben wird so leicht im Schatten der heiligen Wunden.

DIE  HEILIGENWUNDEN  UND  DIE  SÜNDER

Nachdem die Klostergemeinde in diesen beiden Punkten den Forderungen des Herrn entsprochen hatte, liess er nicht mehr nach, sich immer wieder an dieselbe zu wenden. Im Gegenteil; er drängte nur noch mehr und zeigte seine Wunden als Quellen der Gnaden für die Sünder und als beredte Unterweisungen für die Ordensleute.
So sagte der Herr unter anderem: Schon lange möchte ich euch die Früchte meiner Erlösung austeilen sehen. Jetzt tut ihr das, was ich für das Heil der Welt will. Bei jedem Wort, das ihr beim Rosenkranz der Barmherzigkeit aussprechet, lasse ich einen Tropfen meines Blutes auf die Seele eines Sünders fallen.
Die Menschen treten mein Blut mit Füssen; ihr aber, meine Bräute, sollt mich lieben und aus Liebe zu mir arbeiten.
Ihr würdet euch eine grosse Schuld aufladen, wenn ihr all die Reichtümer, welche in meinen Wunden für euch enthalten sind, euch nicht zu nutzen machet. Die Seelen, welche meine heiligen Wunden nicht verehren, sondern sie ins Lächerliche ziehen, verwerfe ich.
Die Sünder wollen vom Kruzifix nichts wissen; ich ertrage sie in Geduld, doch ein Tag wird kommen, an dem ich mich rächen werde.
Komm mit deinem Herzen, meine Braut, komm mit einem ganz leeren Herzen; ich kann es schon ausfüllen; komm, um mir Seelen zu gewinnen. Dann zeigte er ihr eine Menge Sünder und sprach: Ich zeige sie dir, damit du gleich damit beginnst und keine Zeit verlierst. Im Monat Juli, der dem Kostbaren Blute Jesu geweiht ist, durfte Schwester Maria Martha ständig Jesus den Gekreuzigten schauen.
Meine Tochter, ich habe für eine einzige Seele ebenso viel gelitten, als für alle zusammen. Die Erlösung war überreich. Dabei sah sie, wie das Blut in Strömen aus den heiligen Wunden floss und hörte Jesus flüstern: Das ist das Blut deines Bräutigams, deines Vaters, es ist das Blut, das für eure Seelen vergossen worden ist. Nur ich konnte dieses göttliche Blut vergiessen. Meine Tochter, ich bin dein Bräutigam. Ich gehöre dir ganz an für das Heil der Seelen.
Einige Male sah sie die göttliche Gerechtigkeit erzürnt und bereit, die Welt zu strafen; dabei sprach der Heiland voll Entrüstung: Bitte nicht; ich will sie strafen. Soll die Welt erneuert werden, so braucht sie eine zweite Erlösung.
Der ewige Vater sagte: Ich kann meinen Sohn nicht noch einmal für sie hingeben. Die Schwester hatte begriffen, dass wir durch die wiederholte Aufopferung der heiligen Wunden diese zweite Erlösung bewirken können. Und in der Tat, in dem Masse, als sie die heiligen Wunden aufopferte, sah sie den göttlichen Zorn sich besänftigen und in eine gnadenvolle Milde verwandeln, die sich über die Welt ergoss.
Meine Tochter, sagte der Herr ein anderes Mal zu ihr, man muss die Siegespalme erringen; sie wird durch mein heiliges Leiden erlangt. Auf Kalvaria schien alles verloren zu sein und doch hat gerade dort mein Triumph seinen Anfang genommen. Es ist mein ständiger Wunsch, die Menschen möchten sich meine Erlösung zu nutze machen, doch müssen sie einmal alle, ob gläubig oder ungläubig, zu meiner Ehre dienen.
Eines Tages versetzte sie der Herr in grossen Schrecken, indem er sie seine durch die Sünden der Menschen erzürnte Gerechtigkeit schauen liess. Ganz ausser sich rief sie in tiefster Demut aus: Mein Gott, schaue nicht auf unsere Missetaten, sondern auf deine Barmherzigkeit. Durch die oft wiederholte Anrufung und Aufopferung der heiligen Wunden liess sich der Herr nach und nach besänftigen, zugleich ermuntere er sie:
Opfere mir meine Wunden oft auf, um mir damit Sünder zu gewinnen; denn mich dürstet nach Seelen.

DIE  HEILIGEN  WUNDEN  UND  DIE  GOTTGEWEIHTENSEELEN

Im Hause Gottes muss man in Vereinigung mit meinen Wunden leben , sprach der Heiland. Eure Gelübde entstammen meinen Wunden.
Eines Tages betete Schwester Maria Martha den Kreuzweg. Als sie bei der zehnten Station angelangt war, liess sie der göttliche Heiland erkennen, welch einen Wert und welch ein Verdienst seine Entblössung für das Gelübde der Armut hat und forderte sie auf, seine heiligen Wunden aufzuopfern für seine Bräute, welche nicht genug losgeschält sind, damit sie durch eine genauere Beobachtung des Armutsgelübdes lernten, ihn zu bekleiden. Bei der elften Station, der Kreuzigung, fügte er bei:
Als ihm Geweihte müssen auch wir mit ihm ans Kreuz genagelt sein; wenn wir unserem eigenen Willen folgen, ist das so viel, als wenn wir uns als Feinde des Kreuzes erklärten. Ihr müsst euch durch eure Oberin leiten lassen, wie ich, als ich meine Hände ausstreckte und mich ans Kreuz annageln liess.
Dann forderte er sie auf, für die zu beten, welche durch Mangel an Gehorsam sich vom Kreuze wieder losmachen möchten.
Meine Tochter , sagte er bei einer andern Gelegenheit, betrachte meine Krone und du wirst die Abtötung sehen, betrachte meine ausgebreiteten Hände und du wirst den Gehorsam lernen, siehe, wie ich ganz entblösst am Kreuze hänge, und du wirst die Armut verstehen und die Herzensreinheit in dem, der ganz rein ist und dich als Bräutigam liebt.
Er belehrte sie, dass Gott geweihte Seelen dem Leiden geweihte Seelen sind: Ich möchte alle meine Bräute als ebenso viele Kruzifixe, d.h. Gekreuzigte sehen. Muss die Braut nicht dem Bräutigam ähnlich sein? so spricht der, den uns die Braut im Hohen Liede mit den Worten beschreibt: Mein Geliebter ist weiss und rot.
Ich werde dich den ganzen Tag über leiden lassen, sagte er ihr, damit du um so öfter zu meinen heiligen Wunden, diesen segenspendenden Quellen, deine Zuflucht nehmest.
Ich will, dass du mit mir gekreuzigt seiest und zwar auf jede Weise. Je mehr du dazu deine Zustimmung gibst, umso mehr werde ich dich kreuzigen.
Meine Tochter, betrachte meine Dornenkrone; ich sagte nicht, sie bereitet mir zu grosse Schmerzen; ich habe sie aus den Händen des Vaters für euch angenommen. Betrachte meine Hände; ich sagte nicht, ich gebe sie nicht her, das würde mir zu grosse Schmerzen bereiten, und ebenso tat ich bei meinen Füssen.
Dann zeigte der Herr seiner Dienerin seinen ganz zerfleischten heiligen Leib und sprach: Betrachte deinen Bräutigam; er ist ganz bedeckt mit Wunden. So möchte ich dich sehen. Betrachte mich am Kreuze. Als ich dort hing, achtete ich weder auf die Henkersknechte, noch auf ihre Lästerungen; ich schaute nur auf meinen Vater. So müsst ihr eure Pflicht erfüllen und tun, was ich will, ohne auf die Geschöpfe zu achten, wie auch ich einzig und allein auf meinen Vater schaute.
Ein anderes Mal erschien ihr der Herr am Kreuz, er war nur aus Haut und Knochen und sprach: Da siehe, meine Tochter, was n Auserwählten bevorsteht, die an meiner
Herrlichkeit teilnehmen wollen, nicht denen, welche den Kopf hoch tragen. Meine Mutter ist diesen Weg gegangen.
Für die, welche ihn nur gezwungen und nicht aus Liebe schreiten, ist er sehr beschwerlich; für die Seelen aber, welche ihr Kreuz grossmütig tragen, ist er leicht und voll des Trostes. Die Bräute Jesu des Gekreuzigten müssen leiden.
Ich habe nur noch meine Bräute, um Entschädigung zu finden.
Bei einer andern Gelegenheit sprach der Herr: Ihr müsst das Kreuz lieben und aus Liebe zu Jesus euch kreuzigen lassen, dann könnt ihr wie Jesus sterben und zum Leben auferstehen. Ich erneuere jetzt die Gnaden meines Leidens, eure Aufgabe ist es, diesen Segen über die ganze Welt zu verbreiten.

WIE  SCHWESTER  MARIA  MARTHA  DEN  WÜNSCHEN  JESU  NACHKAM

Diese und ähnliche Offenbarungen erschütterten die Schwester bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seele und sie liess sich davon ganz einnehmen und durchdringen. So hinreissend war ihre Liebe zu den heiligen Wunden, dass es ihr schien, sie würde sie verzehren. Sie hatte das glühendste Verlangen, alle Menschen zur Liebe und Dankbarkeit gegen die heiligen Wunden aufzufordern und anzuregen und war bereit, für die Ausbreitung dieser Andacht, die sie so unermesslich begeisterte und die sie grenzenlos sehen wollte, ihr Leben hinzugeben.
Wenn sie einmal in ihrem Eifer etwas nachliess oder die Anrufungen weniger oft wiederholte, erschien ihr Jesus sogleich in dem erbarmungswürdigen Zustand, in den ihn unsere Sünden gebracht, wies auf seine Wunden hin und machte ihr liebevolle Vorwürfe: Sie schauen immer auf dich, und dann, wenn du sie vergisst, du, die sie stets vor Augen haben solltest. Ich habe sie dir schon so oft gezeigt, dass es wahrlich genügen sollte, und doch muss ich immer wieder deinen Fleiss anregen. Ich selbst wollte das, was meine Henker ersonnen haben, um mir ein Leiden zu bereiten und zwar wollte ich es aus Liebe zu euch und um meinem Vater Genüge zu leisten; alles geschah nach meinem heiligen Willen. Jetzt, meine Tochter, werde ich auch dich leiden lassen, weil ich es so will. Ich will und verlange von dir Entschädigung für die Unbilden, die mir zugefügt werden. Du sollst ein mutiges Schlachtopfer sein: Ich werde dein Opferpriester sein; erhebe dein Herz und birg es in meine Wunden.
Eines Tages zeigte er sich wie auf einem Bilde und bat sie mit unaussprechlicher Liebe und innigem Verlangen: Du musst mich nachbilden. Die Maler fertigen Bilder an, welche das Original mehr oder weniger getreu wiedergeben; doch hier bin ich der Maler und stelle mein Bild in dir her, wenn du auf mich schaust.
Darauf kam der Herr noch einmal zurück und belehrte sie:
Meine Tochter, bevor der Maler ein Bild herstellt, bereitet er die Leinwand vor, welche es aufnehmen soll . Lieber Meister, ich weiss nicht, was du damit sagen willst , entgegnete ihm die Schwester in ihrer Unwissenheit. Jesus belehrte sie, dass ihre Seele die Leinwand sei und fuhr dann fort: Meine Tochter, halte dich bereit, jeden Pinselstrich aufzunehmen, den ich dir geben will.
Etwas später fragte er sie: Meine Tochter, willst du mit mir gekreuzigt oder lieber verherrlicht sein? O Jesus, ich möchte lieber gekreuzigt sein, ich möchte viel für dich leiden, wie du für mich gelitten hast . Du wirst für mich leiden, wie ich für dich gelitten habe, wenn du alle deine Handlungen verrichtest, um mir wohlzugefallen und mir kein Opfer verweigerst. Bei diesen Worten erfasste Schwester Maria Martha plötzlich eine grosse Furcht, denn sie gedachte all ihrer Fehler, die sie als Hindernis für die Gnaden Gottes ansah: Diese deine Fehler , entgegnete ihr der Herr, werden am Tage des Gerichtes bekannt werden; jedoch zu deiner und zu meiner Verherrlichung. Ich nehme alle deine Handlungen und deine Leiden für die Sünder und die Armen Seelen an, doch musst du dich mit meinem Herzen und mit meinen Wunden vereint halten und ganz eins sein mit mir. Du darfst mein Herz nicht verlassen, sonst könnte ich mich dir nicht mehr mitteilen.
Mit kindlicher Unbefangenheit und Kühnheit bat sie einmal den Herrn: Bester Meister, halte mir einen Katechismusunterricht.
Jesus zeigte ihr seine Wunden und sprach:
Komm in deine Wohnung, meine Braut, hier wirst du alles finden. Ich werde dein Lehrmeister sein und dich unterweisen, wie du dich für mich und den Nächsten hinopfern sollst.
Das Kruzifix ist dein Buch. Alle wahre Wissenschaft ist im Studium und in der Betrachtung meiner Wunden enthalten. Wenn alle Menschen sie studieren und sich in dieselben hineinvertiefen wollten, sie fänden genug und bedürften keiner Bücher mehr. In diesem Buche lesen meine Heiligen jetzt und in alle Ewigkeit. Es ist das einzige Buch, das du lieben, die einzige Wissenschaft, mit der du dich abgeben musst.
Wenn du aus meinen Wunden schöpfst , belehrte sie der Herr, bereitest du dem Gekreuzigten Trost . Dann sagte er zum heiligen Ordensstifter, der bei diesem Zwiegespräch zugegen war: Das ist deine Frucht, eine deiner Töchter, die mein Blut aus den heiligen Wunden schöpft, es den Seelen mitteilt und meine Gerechtigkeit besänftigt.
Von heiliger Liebe Gottes ganz verzehrt, benutzte Schwester Maria Martha diesen Augenblick und bat unseren heiligen Ordensstifter, den hl. Franz von Sales, um die Gnade, bald heimgehen und das höchste Gut geniessen zu dürfen. Er entgegnete ihr jedoch: Meine Tochter, du musst zuvor deine Aufgabe erfüllen. Niemand kann in den Himmel eingehen, es sei denn, dass er zuvor auf Erden seine Aufgabe erfüllt hat. Würdest du hierher kommen und gewahr werden, dass du deine Aufgabe nicht erfüllt hast, du wolltest wieder auf die Erde zurückkehren, um sie zu vollenden, wegen der Ehre, welche daraus deinem Heiland erwächst und weil sie so viel beiträgt, die so sehr erzürnte Gerechtigkeit Gottes zu besänftigen. Auch bereitet mir die Verherrlichung, die mir durch die Anrufung der heiligen Wunden zuteil wird, grosse Genugtuung.
So ward Schwester Maria Martha immer wieder in ihrer Aufgabe bestärkt und ermutigt. Diese Aufgabe bestand zunächst darin, wie wir bereits gesehen haben, die Verdienste der heiligen Wunden Jesu für die Anliegen der streitenden und leidenden Kirche zu verwerten; sodann darin, nach Kräften für die Erneuerung dieser heilsamen Andacht in der ganzen Welt einzutreten.
Der erste Teil betraf nur ihre Person. Der göttliche Heiland hatte sie schon längst durch feierliche Versprechen dazu verpflichtet, ihre Oberin hat dieselben in folgende Form gekleidet:
Ich, Schwester Maria Martha Chambon, verspreche unserem Herrn Jesus Christus, jeden Morgen mich Gott dem Vater in Vereinigung mit den heiligen Wunden Jesu des Gekreuzigten für das Heil der Welt und für das Wohl und die Vervollkommnung meiner Ordensgemeinde aufzuopfern. Ich will ihm dafür danken, dass er in so viele Herzen einkehren will, die so wenig vorbereitet sind. Ich verspreche unserem Herrn mit Hilfe seiner Gnade und im Geiste der Busse alle zehn Minuten die Wunden seines heiligen Leibes dem Ewigen Vater aufzuopfern, alle meine Handlungen mit seinen heiligen Wunden nach den Meinungen seines heiligsten Herzens zu vereinigen und zwar für den Triumph der Kirche, für die Sünder und die Armen Seelen, für alle Anliegen meiner Klostergemeinde, des Noviziates und des Pensionates und zur Sühne für alle Fehler, die da begangen werden. All das will ich aus Liebe tun, ohne mich dazu unter einer Sünde zu verpflichten.

Die Anrufung: Ewiger Vater, ich opfere dir die Wunden unseres Herrn Jesus Christus auf, um die Wunden unserer Seelen zu heilen , ist die Formel dieser Aufopferung. Schwester Maria Martha hatte versprochen, alle 10 Minuten diese Anrufung zu wiederholen; doch es verging kaum ein Augenblick des Tages, ohne dass sie dieselbe erneuerte und die weitere Anrufung beifügte: Mein Jesus, Verzeihung und Barmherzigkeit durch die Verdienste deiner heiligen Wunden.

So war das ganze Leben unserer lieben Schwester ein ununterbrochenes Gebet. Die Vereinigung mit Gott, in der sie lebte und eine stille Sammlung konnte man ihr am Gesicht ablesen. Wenn man sie sah, fielen einem die halbgeschlossenen Augen und die im Gebet sich stets bewegenden Lippen sofort auf. War sie im Chor, so verlor sie sich ganz in dem, der sich herabliess, ihrer Seele als Vater und Freund sich zu zeigen. Was den zweiten Teil ihrer Aufgabe anbelangt, nämlich die Andacht zu den heiligen Wunden in den Seelen zu erwecken, so hing dies nicht allein von der heldenmütigen Grossmut der Schwester Maria Martha ab. Der göttliche Heiland hatte sie die Schwierigkeiten und die Länge der Zeit, welche dieser Teil ihrer Aufgabe benötigte, erkennen lassen. Deine Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass ich durch meine Wunden erkannt und geliebt werde und zwar hauptsächlich in der Zukunft. Es wird lange Zeit in Anspruch nehmen, bis diese Andacht eingeführt ist. Es scheint, dass der Schleier der Zukunft vor den Augen der Sr. Maria Martha einmal etwas gelüftet wurde, doch war das Gesicht nach Aussage der Mutter Therese Eugenie leider sehr dunkel. Wir konnten nicht mehr über den Zweck und die Bedeutung dieser Vision erfahren, schreibt sie. (Dies trug sich am 29. August 1868 zu, als gerade die Bruderschaft von den heiligen fünf Wunden, die im Jahre 1843 zu Lyon errichtet war, grosse Fortschritte machte.) Ohne uns auf Einzelheiten einzulassen, ohne eine Auslegung zu suchen, die doch nur rein persönlich und Phantasiegebilde wäre, wollen wir nur die Tatsachen reden lassen.

Mit Hilfe ihrer Oberinnen hatte Schwester Maria Martha die Andacht zu den heiligen Wunden in ihrer Klostergemeinde eingeführt; das war ein erster Schritt. Viele Klöster sind diesem Beispiele gefolgt und haben die Andacht angenommen; das war ein zweiter Schritt. Die Bewilligung eines Ablasses von 300 Tagen für alle Mitglieder des Ordens der Heimsuchung, war ein dritter Schritt. Wir dürfen gewiss erwarten, dass die Veröffentlichung der Gnaden, die Schwester Maria Martha zuteil geworden, der wohltuende Einfluss der Worte, mit denen Jesus von seinem heiligen und liebevollen Leiden sprach, der Eifer gottgeweihter gottgeweihter Seelen und vieler opferwilliger Herzen, die Ausdehnung der Ablassbewilligung auf alle Gläubigen dazu beitragen wird, dass immer mehr Seelen voll heiliger Gier aus den unermesslichen Schätzen des Leidens unseres Heilandes schöpfen werden.

 

LETZTE  LEBENSJAHRE  UND  TOD  DER  SCHWESTER  MARIA  MARTHA

 

Die obigen Aufzeichnungen sollten uns einen Überblick geben über den Plan Gottes im Leben von Schwester Maria Martha; sie sollten ihre Sendung und Aufgabe, Schatzmeisterin, Sendbotin der heiligen Wunden zu sein, darlegen. Das ist jedoch nur eine Seite ihres Innenlebens. Wir sollten noch reden von ihrer Verehrung für die hl. Kindheit des Herrn und von dem vertraulichen, herzinnigen Verkehr, der zwischen dieser ganz reinen und einfachen Kinderseele und dem himmlischen Freunde der Kleinen und Jungfrauen stattfand. Auch sollten wir noch ihre ganz selbstlose Liebe zu Jesus im heiligsten Sakrament erwähnen. Wir sollten ferner dartun, wie dieser ständige, so innige Verkehr mit Jesus dem Gekreuzigten und dem Jesuskinde sie ganz natürlich und unwillkürlich zu den grossen und gediegenen Andachten hinführte. Wir müssten da z.B. von ihrer Andacht zur heiligsten Dreifaltigkeit reden und dabei die ausserordentlichen Begleiterscheinungen, die mehr als einmal der Lohn dafür waren, anführen; ebenso müssten wir von ihrer zarten Andacht zu Maria erzählen, die sie im vollsten Sinne des Wortes als ihre Mutter betrachtet und die sich ihr gegenüber wirklich als Mutter erwies, die Belehrungen des göttlichen Heilandes vervollständigte und, wo nötig, ihr Kind auch mütterlich zurechtwies.
Endlich müssten wir noch ihre Abtötungen und Busswerke aufzählen, ihre Entzückungen beschreiben; doch all dies hat die ausführliche Lebensbeschreibung von Schwester Maria Martha gebracht, die aber leider zur Zeit nicht erhältlich ist. Die göttlichen Gnadenerweise und Mitteilungen füllen in der Tat über zwanzig Jahre lang alle Stunden dieses ausserordentlichen Lebens aus, nämlich die ganze Zeit vom Jahre 1866 bis zum Tod von Mutter Therese Eugenie Revel, der am 30. Dezember 1887 erfolgte. Lange Zeit zuvor schon hatte Jesus Schwester Maria Martha  die zwei Oberinnen gezeigt, welche in die Geheimnisse all ihrer Gnaden eingeweiht waren und hatte an sie die Frage gerichtet: Willst du sie mir zum Opfer bringen? Und sie, die ausser Jesus nichts suchte, und nichts wollte, hatte eingewilligt, jedoch unter dem Vorbehalt, dass dann niemand  ehr etwas von den Gnadenerweisen, mit denen er sie überhäufte, erfahre, sondern alles zwischen ihm und ihr verborgen bleibe. Jesus gewährte ihre Bitte und hielt Wort. Seit dem Tode der Mutter Therese Eugenie konnte niemand mehr etwas von ihr erfahren. Jesus wollte sie bis zu ihrem Lebensende verborgen halten und umgab sie wie mit einem undurchdringlichen Schleier. Gott fügte die Dinge so, dass die folgenden Oberinnen nur ganz im allgemeinen etwas von empfangenen Gnaden wussten; solange Schwester Maria Martha noch lebte, befanden sich die Hefte, in denen die Gnaden verzeichnet waren, in anderen Händen. Während ihrer letzten 20 Lebensjahre, d.h. bis zu ihrem Tode, war nichts mehr von ausserordentlichen Gnaden zu merken, höchstens dass sie stundenlang regungslos wie in Verzückung vor dem Allerheiligsten kniete. Doch niemand wagte es, sie zu fragen, was in diesen seligen Augenblicken zwischen ihr und Jesus vor sich ging. Diese ununterbrochene Verbindung von Gebet, Arbeit und Abtötung, dieses Schweigen und sich ganz in den Schatten stellen, scheint ein weiterer und nicht der geringste Beweis für die Wahrheit und Wirklichkeit der ausserordentlichen Gunsterweise zu sein, mit denen Gott sie überhäuft hatte. Eine Seele von gewöhnlicher oder zweifelhafter Demut hätte darnach getrachtet, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sie hätte das, was Jesus in ihr und durch sie gewirkt hatte, zur eigenen Ehre ausgenützt; von all dem finden wir bei Schwester Maria Martha nicht eine Spur. Mit Freuden versenkte sie sich in den Schatten des verborgenen, gemeinschaftlichen Lebens. Doch, wie das Senfkörnlein, wenn es in die Erde gelegt wird, aufgeht, so keimte und sprosste auch die Andacht zu den heiligen Wunden in den Herzen der Gläubigen auf. In der letzten Weihnachtsnacht, welche Schwester Maria Martha auf Erden zubrachte kündigte ihr der Herr, wie wir wohl annehmen dürfen, ihr baldiges  hinscheiden und die Leiden an,die er ihr noch schicken wollte.
Während der Mitternachtsmesse vernahm eine Schwester, die neben ihr kniete, wie sie ängstlich ausrief: O mein Jesus, nur das nicht! Alles, ja alles, nur das nicht . Dieses das war wohl die peinliche, schmerzvolle Krankheit, mehr noch die innere Verlassenheit, das Fernsein ihres Geliebten. An seine beglückende Gegenwart und seinen täglichen vertrauten Verkehr gewohnt, konnte sie unmöglich, ohne den empfindlichsten Schmerz in dieses Opfer einwilligen. Von diesem Tage an bemerkten ihre Mitschwestern eine tiefe Traurigkeit in ihren Zügen. Sie hatte sich eine starke Erkältung zugezogen, verschiedene andere, sehr schwere Krankheiten hatten sich dazu gesellt, so dass sie am 13. Februar 1907 voll Freude die letzte Ölung Kalvarienberg besteigen. Fünf Wochen lang musste sie die letzten Läuterungen durchmachen. Während dieser Zeit vereinigte sie der Erlöser immer inniger mit sich, und damit sie ihm desto ähnlicher würde, liess er sie mehr denn je an den körperlichen und geistigen Todesnöten seines Leidens teilnehmen. Zuvor hatte er sie darauf aufmerksam gemacht: Das Leiden, das deinen Tod herbeiführen wird, kommt aus meinen Wunden. Wir fühlten, bezeugten die Schwestern, welche Zeugen ihrer Leiden waren, dass sich in diesem letzten Kampf der Natur etwas Geheimnisvolles abspielte. Am 21. März 1907 trat nach einer schrecklichen Leidensnacht eine grosse Ruhe und tiefes Schweigen ein. Die ganze Klostergemeinde umgab die Sterbende und wiederholte unzählige Male die Anrufungen zu Ehren der heiligen Wunden. Endlich abends 8 Uhr nach der ersten Vesper des Festes der Schmerzen Mariä kam diese gute Mutter, ihr Kind, das sie Jesus lieben gelehrt hatte, heimzuholen. Und der Bräutigam nahm seine Braut für immer in die Wunde seines heiligsten Herzens auf, sie, die der Herr auf Erden zu seiner vielgeliebten Opferhostie, zu seiner Vertrauten und zur Sendbotin seiner heiligen Wunden gemacht und auserwählt hatte.

P.S. Kardinal Gasparri schrieb am 18. Mai 1924 aus Rom:
Der Heilige Vater Pius XI. wünscht, dass die Tugenden und das vorbildliche Leben dieser treuen Dienerin Gottes die weiteste Verbreitung finden und überall bekannt werden. Er spendet der Verfasserin den apostolischen Segen. 

Die heiligen Wunden Jesu (PDF)

Quelle

Immaculata-Verlag, P.O. Schenker, Postfach 153, CH-9050 Appenzell

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